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Letzte Woche fiel der Satz mal wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon im Laufe der Jahre und vor allem in den letzten 2 Jahren, seitdem ich Vorträge zum Thema Neurodivergenz halte, gehört habe.
Der Satz: " Gibt es eigentlich noch "normale" Kinder?" Ich beantworte diese Frage immer mit einer Gegenfrage: "Was verstehen sie unter "normal"?" Die Antworten fallen oft gleich aus: Kinder, die "nichts" haben, die einfach "so mitlaufen", die keine Diagnosen als Entschuldigung haben (ja, auch diese Antwort gibt es...). "Normal" ist das, was derjenige als "normal" empfindet, der diese Frage stellt. Es ist Fakt, dass es heute viele Kinder gibt, die durch ihr Verhalten auffallen, weil es von dem Verhalten abweicht, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Als " normal" gilt oft ein Verhalten, dass früher gerne gesehen war. Brav am Tisch sitzen bleiben, nicht zappeln, im Unterricht gut mitarbeiten und vor allem nicht auffallen durch Wut, Angst oder weinen. "Nur die Harten kommen in den Garten", ist ein Satz, den ich in meiner Kindheit oft gehört habe. Platz für eine besondere Sensibilität oder eine besondere Form der Wahrnehmung? Fehlanzeige! Viele der heutigen Eltern sind aufgewachsen mit einer Form der großen Anpassung. Sie haben maskiert, um nicht aufzufallen, um "normal" in der Gesellschaft auftreten zu können. Viele von ihnen haben einen hohen Preis gezahlt und sind später in ein Burn Out oder in Depressionen geschlittert. Die Kinder heute zeigen, dass der Weg der Anpassung kein gesunder ist. Sie spiegeln ihren Eltern, was diese als Kind gebraucht hätten, um ohne enorme Kraftanstrengung und maskieren aufwachsen zu können. Um die Frage zu beantworten: "Ja, es gibt heute weniger "normale" Kinder!" Und das ist gut so, denn diese Kinder zeigen und lehren uns, dass die Zeit der Anpassung und des Maskierens vorbei ist. Sie zeigen auf, dass noch viele Eltern unverarbeitete Entwicklungstraumata in sich tragen, die Auswirkungen auf ihr Nervensystem haben und dies wiederum Auswirkungen auf das Nervensystem der Kinder. Es gibt eine Vielzahl an Gründen, warum es heute mehr Kinder gibt, die durch ein "herausforderndes " Verhalten auffallen. Aber statt uns zu fragen, warum die Anzahl steigt, sollten wir uns fragen, was es braucht! Was braucht es, damit die Gesellschaft toleranter wird und nicht mehr schaut, was "normal" ist und was "abweicht". Kinder leben es uns oft vor, für sie ist die Art und Weise, wie sie die Welt erleben und wie sie darauf reagieren "normal". Sie kategorisieren nicht. Sie sind einfach.
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"Lass dein Kind doch einfach mal schreien, das stärkt seine Lungen!" oder "Du verwöhnst dein Kind viel zu sehr, wenn du es nicht einfach auch mal schreien lässt!"
Sätze wie diese und noch weitere gut gemeinte Ideen hören sich viele junge Mütter in der heutigen Zeit an. Es ist ein Thema, dass viele Frauen in Gesprächen mit Müttern, Schwiegermüttern usw. bewegt und das große Unsicherheit auslöst. Die Frage, ob das Kind zu sehr verwöhnt wird und ob dies Auswirkungen auf das spätere Leben hat, steht dabei oft weniger im Raum, sondern das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen, dass das Kind nicht einfach schreien gelassen wird. Und aus Sicht des Nervensystems ist das auch keine gute Idee, wie der heutige Wissensstand zeigt. Was passiert mit einem kindlichen Nervensystem, wenn das Kind schreien gelassen wird? Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt immer für unsere Sicherheit zu sorgen. Ohne, dass wir es bemerken, scannt es unsere Umgebung und unseren Körper ab und schaut so, ob alles in Ordnung ist und keine Gefahr droht. Wenn Gefahr droht, dann reagiert unser System bevorzugt mit Kampf oder Flucht. Diese beiden Mechanismen stehen Säuglingen und Kleinkindern nicht oder nur unzureichend zur Verfügung. Sie sind darauf angewiesen, dass eine erwachsene Person ihr Weinen und die drohende Gefahr wahrnimmt (Hunger kann z.B. auch eine Gefahr sein, denn ohne Nahrung stirbt das Kind)und diese beseitigt. Schreit das Kind und schreit und schreit, ohne das Jemand reagiert, dann schaltet das Nervensystem in den nächsten Modus. Erstarren. Aus einem kraftvollen Weinen wird mitunter ein leises Wimmern. Wenn dann auch keine Hilfe kommt, dann bleibt dem Nervensystem nur noch die letzte Option: Sich tot stellen. In diesem Moment sagt das Nervensystem, dass die Gefahr so groß ist und keine Hilfe kommt und es besser ist, sich von der Welt abzuschalten, um sich zu schützen. Betroffene Kinder liegen dann im Bett und scheinen ganz ruhig oder auch zu schlafen. Sie sind aber nicht ruhig, denn die aufgestaute Energie, die sich durch die fehlende Hilfe aufgestaut hat, verbleibt im Körper und es kann eine traumatische Erfahrung sein, wenn Kinder wiederholt oder über einen längeren Zeitraum schreien gelassen werden. Auch kann sich daraus das Gefühl der sogenannten erlernten Hilflosigkeit entwickeln, deren Folgen noch bis ins Erwachsenenalter reichen können. Das Gefühl der erlernten Hilflosigkeit beschreibt das Gefühl alles alleine schaffen zu müssen und keine Hilfe erwarten zu können oder zu bekommen. Viele Erwachsene kennen dieses Gefühl und die Ursache kann in der Kindheit liegen. |
AuthorHallo, ich bin Nina und ich schreibe in diesem Blog zu den Thema Trauma, dysfunktionalen Familiensystemen, Traumaprävention. ArchivesCategories |
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